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Migration ist Veränderung

Als ich als Au-Pair Mädchen nach Deutschland ausgereist bin, war meine größte Priorität, die Welt für mich zu entdecken, neue Leute, eine andere Kultur und Sprache kennenzulernen. Ich hatte mir nie zum Ziel gesetzt, in einem anderen Land langzeitig zu bleiben und konnte mir auch nie richtig vorstellen, woanders als in meinem Herkunftsland zu leben.

Mein Aufenthalt in Deutschland war von Anfang an nur ein Zufall. Nach einem Jahr allerdings, als das Au-Pair Programm zu Ende war, waren es eher die deprimierenden Gedanken über Perspektiv- und Aussichtslosigkeit in meinem Heimatland, die mich dazu gebracht haben, dass ich in Deutschland noch mein zweites Studium fortsetze. Womöglich habe ich mich damals in Deutschland nicht so wohl gefühlt, nicht Zuhause gefühlt, wie ich es jetzt tue. Aber manchmal sind es ja genau die Zufälle, die einem das Leben und die Zukunft bestimmen. Das Wort Zuhause hat eine ganz andere und neue Bedeutung für mich bekommen. Zuhause ist nicht mehr da, wo ich geboren und aufgewachsen bin, sondern da, wo ich mich mit den gesellschaftlichen Werten und Normen des jeweiligen Landes am besten identifizieren kann und wo ich meinen Alltag so gestalten kann, wie es mich zufrieden und glücklich macht. (…)

Ich hatte keine Flucht-oder-Flüchtlingsheimerfahrungen, dafür landete ich im Dezember 2009 direkt in einer oberbayerischen Familie auf einem kleinen Markt namens Bruck, konnte kein Deutsch und war zuvor nie so weit weg von Zuhause gekommen.

Somit hatte ich im Vergleich zu anderen Migrantinnen meine ersten Erfahrungen und den ersten Kulturkontakt direkt mit der Gastfamilie, die eingeborene Oberbayer waren. Mein erster Kulturschock, dass man an dem gleichen Tag, als ich ankam, mich fragte, wie viele Brötchen ich am nächsten Tag zum Frühstück essen werde. Schockierend war dabei die ganze Fragestellung: ich betrachtete mich als ein Gast und wusste nicht, dass man den Gästen so eine, meiner Meinung nach, ‚unhöfliche‘ Frage stellen kann. Später hat man mich erklärt, dass man das wissen muss, um den Einkauf zu planen. Ich konnte es allerdings trotzdem nicht nachvollziehen. Mein Kulturschockzustand vertiefte sich, als meine Gastfamilie, mich für meine weitere Kulturerlebnisse in der zweiten Woche, mit auf den Schwandorfer Weihnachtsmarkt genommen hat. Ich weiß es noch heute, wie aufgeregt ich war, dass ich die deutsche Weihnachtsmarktstimmung selbst erleben konnte und wie sprachlos ich war, als man mich bei der -30° Kälte, ohne jegliche Mahlzeitbestandteile wie Esstisch und Stühle, Bratwurstsemmel und Glühwein anbot.

Heute belustigen mich eher meine Erinnerungen und ich weiß nicht, wann ich genau aufgehört habe ‚typische Armenierin‘ zu sein. „Du bist deutsch geworden“, sagen meine Freunde und Bekannte in Armenien. Hier in Deutschland reicht es nur meinen Akzent zu hören und schon fragen die Menschen, woher ich genau komme. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich vollkommen in Deutschland integriert habe, aber ich fühle mich in meinem aktuellen Lebensstil, der definitiv sehr stark von deutschen Lebensnormen beeinflusst ist, sehr wohl.

Abschnitt aus der Einführung meiner Bachelorarbeit zum Thema: „Empirische Studien zur Integration muslimischer Frauen in Deutschland“, geschrieben im September 2017