Meine Fluchtgeschichte und meine Lebensgeschichte

2011 war ich noch mit meiner Familie: meine Eltern, drei Brüder und vier Schwestern. Und ich wohnte in Kismayo. Meine Familie war arm; mein Vater arbeitete manchmal als Maler, manchmal als Verkäufer im Gemüseladen und manchmal war er zu Hause. Meine Mutter war Hausfrau. Sie hat uns Kinder unterstützt.

Ende 2011 kam die Al-Shabaab plötzlich nach Kismayo. Mein großer Bruder, er war ungefähr 25 Jahre alt, arbeitete im Lebensmittelladen. Die Al-Shabaab überfiel den Laden und sie wollten die Sachen einfach mitnehmen, ohne bezahlen. Mein Bruder sagte: „Ich arbeite hier, ich bin kein Chef. Das geht nicht.“ Aber es kam ein Kämpfer der Al-Shabaab und hat einfach meinen Bruder erschossen. Eine Nachbarin hat das gesehen und es meinen Eltern erzählt. Danach sind meine Eltern zum Lebensmittelladen gelaufen und mein Vater hat den Chef der Al-Shabaab gefragt, warum sie meinen Bruder getötet haben. Der Chef hat meinem Vater daraufhin einfach ins Bein geschossen. Die anderen Leute, die das gesehen haben, brachten meinen Vater ins Krankenhaus und beerdigten meinen Bruder. Mama hat geweint und ist mit ins Krankenhaus gegangen.

Nach diesem Vorfall kam die Al-Shabaab noch mehrere Male nach Kismayo und hat alles bombardiert. Die Leute sind alle weg, entweder nach Mogadischu oder Marka oder in das kleine Dorf. Ich besuchte meine Tante ein paar Tage und als wir zurückkamen, war alles zerstört. Meinen Vater und meine Familie habe ich nicht gesehen. Keine Bekannten. Ich habe so viele gefragt, aber niemand konnte mir sagen, wo meine Familie war.

Also bin ich mit meiner Tante nach Mogadischu und meine Tante suchte dort Arbeit, weil sie kein Geld hatte. Der Mann von meiner Tante war auch von der Al-Shabaab getötet worden. Sie fand Arbeit in einem Haus als Hausfrau. Wir sind morgens zusammen hin und ich habe ihr geholfen. Ein Jahr haben wir dort gearbeitet und danach hörte meine Tante von einem alten Mann, dass die Leute, die Geld haben, nach Äthiopien gehen können. Meine Tante hat gesagt, dass wir auch hingehen wollen. Aber das war gefährlich, denn wenn man nach Äthiopien geht und danach in den Sudan, und Libyen, muss man zwei Tage zu Fuß gehen und dann den Bus nehmen. Die äthiopische und sudanesische Grenzpolizei erschießt Menschen ohne Pass oder gibt ihnen eine Geldstrafe.
Ich bin mit meiner Tante in den Bus gestiegen und nach vielen Stationen ausgestiegen. Danach sind wir fast 10 Stunden zu Fuß in den Sudan rein. Und die Leute guckten alle komisch. Sie sagten immer nur: „Du kommst aus Somalia? Oder Äthiopien?“ Ein alter Mann aus Somalia hatte eine Wohnung im Sudan und nahm die Menschen mit, die Geld hatten. Meine Tante hatte ein bisschen Geld gespart. Zwei Monate sind wir dortgeblieben.

An einem Tag kam ein anderer Mann und hat zu uns gesagt: „Die Leute, die Geld haben, die gehen durch die Wüste mit uns. Die, die kein Geld haben, bleiben hier.“ Meine Tante erzählte ihm meine Geschichte und sie haben uns mitgenommen. Aber die Wüste in Tschad war ein großes Problem, weil wir immer draußen sein mussten. Es gab keine Gebäude, wir mussten immer draußen schlafen und sitzen, ohne Decke. Es gab kein Essen und kein Trinken. Wenn wir gefragt haben, wurden wir von den Männern bedroht und geschlagen. Und weil wir kein Geld mehr hatten, mussten wir in der Wüste bleiben. Wir haben ein halbes Jahr in der Wüste gelebt. In der Zeit sind viele Leute gestorben, weil sie kein Essen, kein Trinken oder eine Krankheit hatten. 4 oder 5 Männer haben nach Trinken gefragt und die Arbeiter antworteten: „Du hast so viel gefragt und deine Familie hat nichts bezahlt. Nächstes Mal schießen wir auf dich. Oder du bezahlst.“ Ich habe mehrere Frauen gesehen, die waren schwanger und haben ihr Baby in der Wüste geboren. Und die Frauen sind gestorben. Die Kinder haben ein paar Tage gelebt und sind dann auch gestorben. Manchmal kam eine Gruppe von Männern und hat ein Mädchen oder ein paar Mädchen mitgenommen. Ich habe nie gesehen, was sie gemacht haben, aber die Mädchen kamen immer nach ein paar Stunden weinend zurück. Gott sei Dank wurde ich nie mitgenommen, weil meine Tante bei mir war.

Die Männer in der Wüste kamen aus Tripolis und wollten immer mehr Geld. Einmal war ein großer arabischer Chef da und sagte: „Die Leute, die kein Geld mehr haben, bleiben. Und die Leute, die Geld haben, gehen weiter nach Libyen.“ Meine Tante hat dem Chef gesagt, dass sie nur wenig Geld hat, aber dass sie nach Libyen will und wir wurden mitgenommen.

In Libyen wollen die Leute keine Afrikaner sehen. Wenn ich den Bus nahm, sind alle Leute ausgestiegen. Ein alter Mann hat mir einmal gesagt, es ist besser, wenn ich eine Burka kaufe. Denn die Leute wollen keine afrikanische Haut sehen. Meine Tante hat deshalb gesagt, dass sie nach Italien gehen will. Sie hat Arbeit in Tripolis gesucht und sie hat sie gefunden. In einem großen Restaurant. Aber das war Schwarzarbeit, weil wir keine Dokumente hatten. Morgens mussten wir immer um 5 Uhr aufstehen und sauber machen und jeden Monat bekamen wir 100€. Die Leute haben uns so früh nicht gesehen. Das war gut, weil sie wollten ja keine Afrikaner sehen. Meine Tante und ich haben dort ein Jahr zusammen gearbeitet und meine Tante hat jeden Monat ein bisschen gespart. Und sie hat fast 1000€ gespart. Und sie suchte noch mal den Mann, durch den sie die Arbeit gefunden hatte, und hat ihm gesagt, dass sie nach Italien gehen will. Meine Tante ich sind zwei Tage lang mit dem Bus in ein Dorf zum Meer gefahren.

Dort waren viele Menschen aus Somalia, Eritrea, Äthiopien, Ghana, Nigeria, Ägypten auch und Sudan. Fast 3-4 Tage waren wir nur dort und haben gewartet. Denn man durfte nicht einfach so auf das Meer: wenn die Polizei uns gesehen hätte, dann hätten sie auf uns geschossen oder ins Gefängnis gebracht. 2-3 Männer haben dort ein Schlauchboot mit einem kleinen Motor für uns aufgepumpt. Fast 100 Leute sind auf das Plastikboot gegangen. Um 2 Uhr morgens sind wir ganz leise ins Boot rein. Fast zwei Tage waren wir nur auf dem Wasser. Kein Trinken, kein Essen, nur Sitzen. Es gab keinen Platz, keine Toilette, man konnte sich nicht bewegen. Die Leute konnten nur geradeaus gucken. Um 5 Uhr morgens, es war noch dunkel und es regnete, kam plötzlich eine Welle und hat das Boot ein bisschen bewegt. Auf einmal kam eine große Welle und das Boot ist einfach untergegangen. Und die Leute haben laut geweint und geschrien. Meine Tante und ich waren auch im Wasser. Meine Tante war ein bisschen alt und konnte sich nicht gut bewegen. Sie hatte Asthma. Sie ging einmal unter Wasser und kam wieder hoch, aber als sie das zweite Mal unterging, kam sie nicht mehr hoch. Ein Junge hat mir geholfen, weil ich nicht schwimmen kann. Er hat auch anderen geholfen. Fast sechs Stunden waren wir im Wasser und hielten uns am Boot fest. Gott sei Dank hatte ich Kraft und konnte mich festhalten. Die toten Menschen hat das Meer einfach weggespült. Nach 6 Stunden kam ein großes Schiff und hat uns alle mitgenommen nach Sizilien. Ich habe viel geweint. So viele Menschen waren gestorben. Ich war eine Woche im Krankenhaus auf Sizilien und habe nach meiner Tante gefragt. Wo ist meine Tante? Aber die Leute konnten kein Somalisch. Man hat mir übersetzt, dass meine Tante im Waser gestorben ist und dass ihr Körper nicht gefunden wurde. Ich habe geweint.

Ein Junge fragte mich, ob ich in Italien bleiben oder in ein anderes Land gehen will. Ich habe nur geweint. Der Junge fragte mich, ob ich Unterstützung haben will. Er habe eine Wohnung, in der auch zwei andere Mädchen wohnten. Da bin ich mit ihm gegangen. Die Mädchen kamen auch aus Somalia, aber nicht aus Kismayo, sondern aus einem kleinen Dorf. Ich blieb dort fast 4 Monate zusammen mit den anderen. Ich habe die Leute immer gefragt, wo meine Familie ist, aber niemand konnte mir etwas sagen. Dann fragte mich ein Junge eines Tages: „Hast du Facebook?“. Ich verneinte. Er machte mir ein Profil. Dort fand ich meinen Cousin, der in Deutschland wohnte. Ich schrieb ihm, aber er antwortete 2 Tage lang nicht. Dann telefonierten wir. Mein Cousin sagte, dass er gehört habe, dass ich Probleme habe. Er bezahlte mir ein Ticket für den Zug und sagte mir, dass wenn die Kontrolle im Zug kommt, ich schnell auf die Toilette gehen soll. Weil ich hatte keine Dokumente. Mein Cousin warnte mich, dass man die Menschen mit der Kleidung kontrolliert, die ich trug. Ich wollte trotzdem nach Deutschland gehen und bin in den Zug gestiegen. Die beiden somalischen Mädchen, die mitkamen, wurden in Österreich von der Polizei kontrolliert und mitgenommen. Sie mussten aussteigen. Ich bin auf die Toilette gegangen und bis nach München gefahren. Dort habe ich arabische Menschen am Hauptbahnhof angesprochen. Denn ich wusste nicht, wo ich nachts schlafen würde. Mein Cousin wohnte in Kiel, das war zu weit weg. Ich habe eine alte Frau aus Somalia gefunden, bei der ich 2 Nächte schlafen konnte. Danach habe ich den Flixbus genommen und bin nach Kiel gefahren. Als ich meinen Cousin gesehen habe, habe ich viel geweint und ihm erzählt, dass meine Tante gestorben war und ich nicht wusste, wo meine Familie ist. Mein Cousin hat mir gesagt, dass es besser wäre, wenn ich nach Hamburg gehe. Ich bin fast 10 Tage bei ihm geblieben und habe viel geweint. Dann sind wir zusammen nach Hamburg gegangen und haben mich angemeldet.

Ich hatte eine Frau kennengelernt im Bus. Sie ist mit mir zusammen zur Sengelmannstraße. Die Frau dort fragte mich: „Where are you from?“. Ich sagte: „From Somalia“. Sie bat uns rein und holte einen Dolmetscher. Die Frau schrieb meinen Namen und mein Geburtsdatum auf und ich erzählte meine Geschichte. Die andere Frau sagte zu mir, dass ich nicht unter 18 bin und schickte mich ins Krankenhaus. Im Krankenhaus haben sie gesagt, dass ich 17 bin. Ich war zusammen mit 3 anderen somalischen Mädchen. Danach kam jede von uns in eine andere Unterkunft, wo jede von uns ein eigenes Zimmer hatte. 2017 habe ich den Vater meiner Kinder kennengelernt und ihn muslimisch geheiratet.

Zuerst bin ich 2 Jahre zur Schule gegangen. Dann bin ich schwanger geworden und habe nicht den ESA gemacht. Danach war ich der Jugendhilfe und hatte einen Betreuer. Dort habe ich wieder andere Mädchen kennengelernt, aber manche wollten keinen Kontakt. Meine erste Tochter wurde 2018 geboren. Der Kinderarzt interessiert sich nicht für meine Erzählungen. Wenn ich etwas erzähle, sagte er, dass alles gut ist. Ich glaube, das kommt, weil ich Ausländerin bin. Ich bin zum Sprachkurs gegangen, 6 Monate. Ich habe B1 nicht bestanden, aber ich habe sehr gut A2 geschafft. Und dann wurde ich zum zweiten Mal schwanger mit meiner zweiten Tochter. Und dann bekam ich ganz große Probleme mit dem JobCenter. Sie haben 3 Monate kein Geld gezahlt und ich musste viel Geld bei meinen Freunden ausleihen. Und ich war schwanger. Ich konnte nicht arbeiten gehen. Und mein Baby wurde 2022 geboren und wieder hat das JobCenter Stress gemacht, weil sie mal Geld gezahlt haben und mal nicht. Ich bin drei Mal zur ÖRA gegangen und zwei Mal zum Sozialgericht. Jetzt habe ich nicht mehr so viel Stress, aber immer noch Sorgen. Jetzt ist meine Tochter ein Jahr alt und wenn sie im Kindergarten ist, will ich arbeiten gehen. Ich habe Glück gehabt, weil meine Tochter jetzt größer ist und gesund.

Ich finde das Leben in Deutschland sehr gut, weil in meinem Land gibt es so viel Krieg. In Deutschland gibt es eine Demokratie. Bei uns gibt es das nicht. Dort muss die Frau immer zu Hause bleiben. Für mich ist Deutschland besser, weil ich hier Freiheit gefunden habe. Mein Onkel sagte, ich muss meinen Cousin heiraten. Ich sagte, ich will das nicht. Aber mein Papa und meine Mama sagten, das muss. Dann hat der Krieg angefangen und ich habe nicht geheiratet. Aber ich bin glücklich, weil ich eine kleine Familie hier habe. Ich habe zwei Töchter, die beide gesund sind und viele Freunde. Ich will weiter Deutsch lernen. Ich bin zwar allein, aber ich bin eine starke Mutter. Und das hier ist meine Fluchtgeschichte und meine Lebensgeschichte.